Wissenschaftlich argumentieren: Aufbau, Beispiele und typische Fehler
Eine wissenschaftliche Arbeit überzeugt nicht dadurch, dass möglichst viele Quellen genannt werden. Entscheidend ist, Aussagen nachvollziehbar zu begründen, Forschung einzuordnen und einzelne Gedanken zu einer schlüssigen Argumentation zu verbinden. Dieser Ratgeber zeigt Schritt für Schritt, wie das gelingt.
Ob Hausarbeit, Seminararbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit: Wissenschaftliches Schreiben bedeutet mehr als die Wiedergabe vorhandener Literatur. Ein guter Text zeigt, warum bestimmte Informationen relevant sind, wie verschiedene Positionen zusammenhängen und welche Schlussfolgerungen sich daraus für die eigene Fragestellung ergeben.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer bloßen Beschreibung und einer Argumentation. Wer ausschließlich nacheinander zusammenfasst, was Autor A, Autor B und Autor C geschrieben haben, produziert zwar einen quellenbasierten Text, aber noch keinen überzeugenden Gedankengang. Wissenschaftliche Argumentation verbindet Literatur, Begründung, Analyse und Schlussfolgerung.
Was bedeutet wissenschaftlich argumentieren?
Wissenschaftlich zu argumentieren bedeutet, eine Aussage nicht einfach zu behaupten, sondern sie nachvollziehbar zu begründen. Dafür können theoretische Überlegungen, Forschungsergebnisse, empirische Daten oder andere geeignete wissenschaftliche Quellen herangezogen werden.
Die Argumentation sollte zugleich auf die zentrale Forschungsfrage beziehungsweise Leitfrage ausgerichtet sein. Nicht jede interessante Information gehört deshalb automatisch in die Arbeit. Relevant ist vor allem, was zur Entwicklung, Prüfung oder Beantwortung der Fragestellung beiträgt.
Aussage
Eine konkrete These, Feststellung oder analytische Aussage bildet den Ausgangspunkt.
Begründung
Es wird erklärt, warum die Aussage plausibel und für den Gedankengang relevant ist.
Beleg
Geeignete Literatur, Daten oder andere wissenschaftliche Evidenz stützen die Begründung.
Einordnung
Der Beleg wird interpretiert und mit Fragestellung, Theorie oder weiteren Befunden verbunden.
Der grundlegende Aufbau eines Arguments
Ein hilfreiches Grundmuster lautet: Aussage → Begründung → Beleg → Einordnung → Schlussfolgerung. Nicht jeder Absatz muss dieses Schema mechanisch abbilden. Als Prüfmuster hilft es jedoch dabei, Lücken in der Argumentation zu erkennen.
Aussage: Flexible Arbeitsmodelle können die wahrgenommene Autonomie von Beschäftigten erhöhen.
Begründung: Beschäftigte erhalten dadurch mehr Entscheidungsspielraum bei der Organisation von Arbeitsort und Arbeitszeit.
Beleg: An dieser Stelle würden geeignete wissenschaftliche Studien oder theoretische Quellen herangezogen.
Einordnung: Entscheidend ist anschließend zu erklären, in welchem Kontext dieser Zusammenhang gilt und welche Einschränkungen die herangezogenen Befunde besitzen.
Schlussfolgerung: Daraus kann für die eigene Untersuchung eine begründete Erwartung oder ein relevanter Analyseaspekt abgeleitet werden.
Das Beispiel enthält bewusst keine erfundenen Literaturangaben. In einer tatsächlichen wissenschaftlichen Arbeit müssen Belege aus geeigneten Quellen stammen und entsprechend den geltenden Vorgaben zitiert werden.
Wie baut man einen wissenschaftlichen Absatz auf?
Die Argumentationsstruktur zeigt sich besonders deutlich auf Absatzebene. Ein Absatz sollte normalerweise einen zentralen Gedanken behandeln. Beginnt jeder Absatz mit einem neuen Thema, ohne den vorherigen Gedanken weiterzuführen, wirkt der Text schnell fragmentiert.
- Kernaussage formulieren: Worum geht es in diesem Absatz?
- Aussage erklären: Warum ist dieser Punkt wichtig?
- Belege integrieren: Welche Forschung oder Theorie stützt, ergänzt oder relativiert die Aussage?
- Quellen miteinander verbinden: Stimmen die Autoren überein oder bestehen Unterschiede?
- Bezug herstellen: Was bedeutet dies für den konkreten Untersuchungsgegenstand oder die Forschungsfrage?
Mehrere Zitate hintereinander ergeben noch keinen argumentativen Zusammenhang. Die wissenschaftliche Eigenleistung zeigt sich unter anderem darin, relevante Literatur auszuwählen, miteinander in Beziehung zu setzen und ihre Bedeutung für die eigene Fragestellung nachvollziehbar herauszuarbeiten.
Quellen argumentativ verwenden
Quellen können unterschiedliche Funktionen übernehmen. Sie können einen Begriff definieren, eine theoretische Annahme begründen, empirische Ergebnisse liefern, eine Gegenposition darstellen oder auf Grenzen eines Ansatzes hinweisen.
Statt Quellen lediglich nacheinander wiederzugeben, sollten Sie daher fragen: Warum wird diese Quelle an genau dieser Stelle benötigt? und Welche Funktion übernimmt sie für mein Argument?
Autor A beschreibt X. Autor B untersucht ebenfalls X. Autor C kommt zu einem weiteren Ergebnis.
Mehrere Untersuchungen befassen sich mit X, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Während Ansatz A vor allem Faktor Y hervorhebt, verweist Ansatz B stärker auf Z. Für die vorliegende Fragestellung ist diese Unterscheidung relevant, weil …
Für die Auswahl geeigneter Literatur finden Sie einen eigenen Ratgeber zur Literaturrecherche. Beim Belegen fremder Gedanken sollten außerdem die jeweils geltenden Zitationsvorgaben berücksichtigt werden.
Positionen vergleichen statt nur zusammenfassen
Eine starke Argumentation entsteht häufig dort, wo unterschiedliche wissenschaftliche Positionen aufeinander bezogen werden. Dabei geht es nicht darum, künstlich Widersprüche zu erzeugen. Vielmehr sollte sichtbar werden, ob verschiedene Quellen denselben Gegenstand unterschiedlich erklären, andere Methoden verwenden oder unter verschiedenen Bedingungen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen.
Nützliche Vergleichsfragen sind beispielsweise:
- Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen den Ansätzen?
- Wo unterscheiden sich Annahmen, Methoden oder Ergebnisse?
- Beziehen sich die Studien überhaupt auf vergleichbare Gruppen und Kontexte?
- Welche Erklärung ist für die eigene Fragestellung besonders relevant?
- Welche Grenzen besitzen die herangezogenen Befunde?
Argumentation und roter Faden
Auch gute Einzelargumente überzeugen nur dann, wenn sie sinnvoll angeordnet sind. Die Gliederung sollte deshalb nicht aus voneinander isolierten Themenblöcken bestehen. Jedes Kapitel benötigt eine erkennbare Funktion für den Gesamtgedankengang.
Hilfreich ist die Frage: Warum folgt dieses Kapitel genau an dieser Stelle? Wenn darauf keine klare Antwort möglich ist, kann eine Überarbeitung der Struktur notwendig sein. Unterstützung zur übergeordneten Struktur finden Sie auf der Seite Exposé & Gliederung.
Der rote Faden in einem Satz
Die Forschungsfrage bestimmt, was beantwortet werden soll; die Gliederung legt den Weg fest; die einzelnen Argumente liefern die begründeten Schritte auf diesem Weg.
Gegenpositionen und Einschränkungen einbeziehen
Wissenschaftliches Argumentieren bedeutet nicht, nur Belege für die eigene Ausgangsannahme zu sammeln. Relevante Gegenpositionen, widersprüchliche Befunde und Einschränkungen sollten berücksichtigt werden, wenn sie für die Fragestellung bedeutsam sind.
Das stärkt eine Argumentation, weil sichtbar wird, unter welchen Bedingungen eine Aussage gilt und wo ihre Grenzen liegen. Formulierungen wie „dies spricht dafür“, „unter diesen Bedingungen“, „im Gegensatz dazu“ oder „dieser Befund ist jedoch nur eingeschränkt übertragbar“ können solche Beziehungen sprachlich deutlich machen.
Formulierungen für wissenschaftliche Argumentation
Formulierungsbausteine können helfen, logische Beziehungen sichtbar zu machen. Sie sollten jedoch nicht schematisch eingesetzt werden. Entscheidend bleibt der tatsächliche inhaltliche Zusammenhang.
Zusammenhang erklären
„Dies lässt sich insbesondere dadurch erklären, dass …“
„Für diese Annahme spricht …“
„Ein möglicher Grund hierfür liegt in …“
Positionen verbinden
„Während Ansatz A …, betont Ansatz B …“
„Übereinstimmend zeigen …“
„Im Gegensatz dazu kommt …“
Bedeutung herausarbeiten
„Für die vorliegende Fragestellung bedeutet dies …“
„Dieser Befund ist insofern relevant, als …“
Grenzen markieren
„Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass …“
„Die Aussage lässt sich nur eingeschränkt auf … übertragen.“
Typische Fehler beim wissenschaftlichen Argumentieren
1. Quellen werden nur aneinandergereiht
Ein Text nach dem Muster „Autor A sagt … Autor B sagt … Autor C sagt …“ überlässt dem Leser die eigentliche Verbindung der Informationen. Erklären Sie stattdessen, wie die Aussagen zusammenhängen.
2. Behauptungen bleiben unbegründet
Insbesondere zentrale fachliche Aussagen benötigen eine nachvollziehbare Grundlage. Prüfen Sie bei jedem wichtigen Argument, ob die Begründung und gegebenenfalls ein wissenschaftlicher Beleg vorhanden sind.
3. Quellen werden überinterpretiert
Ein Beleg sollte tatsächlich das stützen, was im Text behauptet wird. Eine Studie mit einer bestimmten Stichprobe oder einem bestimmten Kontext erlaubt nicht automatisch allgemeingültige Schlussfolgerungen.
4. Der Bezug zur Forschungsfrage fehlt
Auch fachlich richtige Informationen können für eine konkrete Arbeit überflüssig sein. Prüfen Sie deshalb regelmäßig, welchen Beitrag ein Abschnitt zur Beantwortung Ihrer Fragestellung leistet.
5. Gegenbefunde werden ignoriert
Wenn relevante Forschung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, sollte diese Differenz nicht verschwiegen werden. Gerade die Einordnung solcher Unterschiede kann wissenschaftlich besonders interessant sein.
6. Argumentation und persönliche Meinung werden verwechselt
Eine wissenschaftliche Schlussfolgerung sollte aus der dargestellten Theorie, Literatur, Analyse oder den erhobenen Daten hervorgehen. Eine persönliche Überzeugung allein ersetzt keine wissenschaftliche Begründung.
Argumentieren in Hausarbeit, Bachelorarbeit und Masterarbeit
Die Grundprinzipien sind unabhängig von der Arbeitsart ähnlich. Unterschiede entstehen vor allem durch Umfang, wissenschaftlichen Anspruch, Methodik und die jeweilige Aufgabenstellung.
Bei einer kürzeren Hausarbeit muss die Argumentation besonders konzentriert sein. Eine Bachelorarbeit bietet meist mehr Raum für Forschungsstand, theoretische Einordnung und gegebenenfalls empirische Analyse. In einer Masterarbeit können komplexere theoretische und methodische Zusammenhänge erforderlich sein.
Bei empirischen Arbeiten spielt die Argumentation außerdem in der Diskussion eine zentrale Rolle: Ergebnisse müssen zur Forschungsfrage und zum Forschungsstand in Beziehung gesetzt werden. Dafür gibt es eigene Ratgeber zur Diskussion der Bachelorarbeit und zur Diskussion der Masterarbeit.
Checkliste für eine schlüssige Argumentation
- Ist klar, welche Kernaussage jeder Abschnitt vermittelt?
- Sind zentrale Behauptungen nachvollziehbar begründet?
- Stützen die verwendeten Quellen tatsächlich die jeweilige Aussage?
- Werden Quellen miteinander verglichen und eingeordnet?
- Ist erkennbar, warum ein Beleg für die Forschungsfrage relevant ist?
- Werden relevante Gegenpositionen und Einschränkungen berücksichtigt?
- Folgen Absätze und Kapitel logisch aufeinander?
- Werden Schlussfolgerungen aus dem zuvor Dargestellten abgeleitet?
- Bleibt der rote Faden von der Forschungsfrage bis zum Fazit erkennbar?
Häufige Fragen zum wissenschaftlichen Argumentieren
Was ist eine wissenschaftliche Argumentation?
Wie beginnt man ein wissenschaftliches Argument?
Wie viele Quellen braucht ein Argument?
Darf man in einer wissenschaftlichen Arbeit eine eigene Meinung schreiben?
Was ist der Unterschied zwischen Beschreiben und Argumentieren?
Wie verbessert man den roten Faden?
Welche externe Unterstützung zulässig ist und wie unterstützende Materialien verwendet werden dürfen, richtet sich nach den Vorgaben Ihrer Hochschule, Ihres Studiengangs und der jeweiligen Prüfungsordnung.
Unterstützung für Ihr wissenschaftliches Projekt anfragen
Beschreiben Sie kurz Ihr Projekt, Ihre Aufgabenstellung und wobei Sie Unterstützung benötigen. Wir prüfen Ihre Anfrage individuell und melden uns zeitnah bei Ihnen.
